Die nach dem Zusammenbruch des Awarenreiches im nördlichen Burgenland siedelnden Slawen konnten sich trotz der fränkischen und ungarischen Landnahme bis ins 13. Jahrhundert hier halten. Ihre Spuren sind heute noch in manchen Ortsnamen faßbar. Zwei dieser Orte sind Zurndorf (vom slawischen Personennamen Zaran) und Turdemech (Turdemicz, Thurdamesz, Tordamez) im Gemeindegebiet von Nickelsdorf. Die letzte Erwähnung des Ortsnamens Tordamez erfolgte im Jahre 1359. Nach diesem Zeitpunkt kam nur mehr der deutsche Name Nickelsdorf vor. Dies hatte seine Ursache im Einströmen deutscher Siedler aus Österreich, die seit dem 12. Jahrhundert in mehreren Wellen nach Westungarn eindrangen und die dünne slawische Siedlungsschichte aufsogen.
Im Zuge der von den Grundherren gesteuerten mittelalterlichen Kolonisationstätigkeit entstand ein dichtes Siedlungsnetz im Komitat Moson. Die Siedlungen wurden zumeist als Anger- oder Straßendörfer mit Gewannflur gegründet. Nickelsdorf wurde in der Form eines Schmalangerdorfes angelegt. Der historische Ortskern befindet sich im Bereich der Mittleren Hauptstraße. Im Westen war der Ort durch die Steigung zur Parndorfer Platte begrenzt, wo an einer erhöhten Stelle außerhalb des Ortes die erste Pfarrkirche errichtet wurde. Die Häuser des Ortes reihten sich links und rechts entlang des Fahrweges nach Zurndorf (heute B10) auf. Aus der Anlage der Häuser kann geschlossen werden, daß der älteste Bereich des Ortes auf der südlichen Häuserzeile zwischen den Häusern Mittlere Hauptstraße 16 und Mittlere Hauptstraße 66 lag. Die östlich anschließenden Häuser wurden, ebenso wie die westlich anschließenden Häuser der Mittleren Hauptstraße, im Zuge der Ortserweiterungen ab dem 17. Jahrhundert errichtet. Der älteste Teil der nördlichen Häuserzeile lag zwischen dem Haus Mittlere Hauptstraße 63 und dem Haus Mittlere Hauptstraße 15. Dieser Ortskern war im Norden und Süden von einem Zaun und einem Graben umgeben, der identisch sein dürfte mit dem Grabensystem, daß die heutigen Hintausgassen der Mittleren Hauptstraße entwässert. Die Häuser selbst reichten nicht so weit.
Nach dem Katasterplan von 1880 hatte eine Hofstelle eine Länge von rund 90 m und eine Breite zwischen 20 und 30 m. Unmittelbar hinter der Hofstelle schloß das individuell genutzte Gartenland an. Es waren dies sehr gute Ackerstandsorte auf Schwarzerdeböden. Ein kleiner Rest dieser ehemaligen Hausgärten ist noch im Bereich der Weinberggasse und der Fasangasse erhalten. Die Hausgärten nördlich der Hauptstraße sind heute zumeist verschwunden. Sie befanden sich in den Parzellen der Gartensiedlung, die schon im 19. Jahrhundert zu Lagerplätzen für Heu und Stroh umgewandelt und nach dem zweiten Weltkrieg als Bauplätze verkauft wurden. Nur mehr die Namen Obere, Mittlere und Untere Gartensiedlung, sowie die im Bereich der Oberen Bahnunterführung liegenden Söllner- und Kleinhäuselgärten erinnern noch an die ehemalige Nutzung.
Ein weiterer Gartenstandort befand sich im Bereich der tiefgründigen Feuchtschwarzerdeböden, im niedrigsten Bereich der Hausäcker, und wurde “Krautgärten” genannt. Diese Gärten wurden während der Kommassierung von 1913 bis 1930 aufgegeben und den Ackerparzellen eingegliedert. Der Name Krautgärten weist auf ein wichtiges bäuerliches Zusatznahrungsmittel der Vergangenheit hin. Daneben waren noch Bohnen, Linsen, Erbsen und verschiedene Rüben- und Kohlarten als zusätzliche Nahrung üblich.
Die ersten konkreteren Angaben über die Häuserzahlen von Nickelsdorf finden wir in der sogenannten Dicakonskription (Zählung zur Einhebung der Kriegssteuer) des Jahres 1532. Der Dicator (Steuereinnehmer) Johannes Cailer, Mitglied der Adelstafel des Komitates Moson, bereiste im Auftrag des Hauptmannes von Ungarisch-Altenburg die Orte des Komitates um den 11. November 1532. Nach seinen Aufzeichnungen gab es in Nickelsdorf 6 Fumi (Rauchfänge), die in diesem Falle gleichzusetzen sind mit 6 Porten. Das lateinische Wort “Porta” bedeutete ursprünglich das Hoftor, durch das ein Bauernwagen in eine Hofstelle hineinfahren konnte. Jede Porte mußte eine bestimmte Steuer zahlen, die vom Ortsrichter (Judex) eingehoben und dem Dicator übergeben wurde.
Es ist anzunehmen, daß man zwischen 1530 und 1550 für eine Porta bis zu zwei Haushalte nehmen muß, später auch bis zu vier, die nun gemeinsam die Steuer bezahlten.
Dicakonskription 1532 für Miklosfalu (Nickelsdorf) zur Herrschaft Ungarisch-Altenburg gehörig:
fumi: 6
judex (Richter, Dorfvorsteher): 1
pauperes (Arme, die steuerfrei waren): 6
deserta et anbuste (verwüstet und verbrannt): 9
Die Türkenkriege der Jahre 1529 bis 1532 veranlaßten die ungarische Verwaltung, die Anzahl der öden (zerstörte, leerstehende) Häuser jedes Dorfes in die Zählung aufzunehmen. Nach dieser Aufstellung kann man für Nickelsdorf eine Zahl von rund 30 Häuser annehmen, von denen 9 zerstört und 6 armutshalber von der Zahlung der Steuer befreit waren. Im Jahre 1538 konnte der Dicator 6 Porten, 1 Judex, nur mehr 2 Arme und nur mehr 4 öde Häuser zählen. Die rasche Erholung nach den Türkenkriegen zeigte sich darin, daß es 1538 bereits 3 Libertini (Freie) gab.
Die zum Straßen- oder Angerdorf gehörige Flur war die Gewannflur. Der Name leitet sich daher, daß die Ackerflächen in drei große Riede, den sogenannten Gewannen eingeteilt war. Die einzelnen Riede wurden in Parzellen unterteilt, von denen jeder Bauer in jeder Ried einen seiner Hofstelle entsprechenden ganzen, halben oder sonstigen Acker hatte. Die Aufteilung erfolgte so, daß die Hausnachbarn auch Feldnachbarn waren. Daneben versuchten die Bauern Gewanne mit möglichst einheitlicher Bodengüte auszusondern. Die Lage der mittelalterlichen Gewanne ist leider nicht bekannt.
Die erste Nennung und Lagebeschreibung von Feldern benennt das Urbar der Herrschaft Ungarisch-Altenburg aus dem Jahre 1546. Aus diesem Urbar geht hervor, daß die Äcker von Nickelsdorf im Sinne der Dreifelderwirtschaft bearbeitet wurden. Dies bedeutet, daß in den drei Gewannen eine jährliche Rotation von Wintergetreide, Sommergetreide und Brache, die als Weide genutzt wurde, stattfand. Der Vorteil gegenüber der älteren Feld-Graswirtschaft war, daß nicht mehr 50% des Bodens als Brache liegengelassen wurde, sondern nur mehr ein Drittel des unter Pflug stehenden Ackerlandes. Der Zweck der Brache war die Erholung des Bodens. Zusätzlich wurde durch die Beweidung die Brache gedüngt und damit dem Boden Nährstoffe zugeführt. Die bäuerliche Arbeit wurde besser über das Jahr verteilt, die Arbeitskraft von Mensch und Tier konnte besser genutzt werden. Dazu ergab sich als weiterer Vorteil die Verringerung der Gefahr von Mißernten. Fiel einmal das Sommergetreide aus, so konnte die Gefahr einer Hungersnot durch eine gute Ernte des Wintergetreides wieder ausgeglichen werden. Die damals üblichen Sommergetreidearten waren Gerste, Hafer, Hirse und Dinkel, während im Wintergetreidebau Roggen, Weizen und “Halbtraid” (eine Mischung aus Weizen und Roggen) verwendet wurden.
Der einzelne Bauer unterlag einer strengen Flurordnung, d. h.: der Richter oder die Dorfgemeinschaft bestimmte, wann welche Arbeit auf welchen Feld getan werden mußte. Die Parzellierung der Gewanne machte es dem einzelnen Bauer unmöglich, aus der Flurordnung auszuscheren, da er seine Felder in der Regel nur über die Felder seiner Nachbarn erreichen konnte. Falls er sich nicht an die Erntetermine hielt, mußte er damit rechnen, daß sein Getreide vom Vieh, das auf die Stoppeln zum Weiden getrieben wurde, abgefressen werden konnte.
Im Gegensatz zu den Äckern, die eingeschränkt individuell genutzt wurden, wurde die Viehweide genossenschaftlich genutzt (Allmende). Die Nickelsdorfer Viehweide lag am westlichen Ortsrand im Bereich des “Haidls”. In diesem Bereich wurden die Schweine aufgetrieben. Große Sommerweideflächen lagen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit auch in den Rieden Kukuruzäcker (höhergelegene Teile), Neubruchäcker, Neurisse (der Name weist auf das Umackern im 19. Jahrhundert hin), Saidaäcker und in den Prädien des heutigen Paula-, Schmidt- und Kleylehofs. Das Winterheu mähte man in den Feuchtwiesen an der Leitha. Hier erinnert noch eine Reihe von Namen an die damalige Nutzung. In den Rieden Hoflus, Leithalus, Sandweglus, Söllnerlus und Langer Lus wurden die Heuparzellen alljährlich verlost. Der Name Lus oder Lußt leitet sich von dem “durch das Los zugefallene Land” her. Ebenso erinnern die Riednamen, die auf – mahd enden an die ursprüngliche Wiesennutzung (Fünf-, Sechs-, Acht-, Zehn-, Zwölf-, Zwanzigmahd).
Ob die Nickelsdorfer Bauern irgendwo auf dem Hotter eigene Weingärten besaßen geht aus den Quellen nicht hervor. Es ist aber anzunehmen, daß Weinbau zumindest für den Eigenbedarf betrieben wurde. Im Bereich der heutigen Weinbauried Kukuruzäcker befanden sich zwei kleine Riede, die als Ruhlandt und Kraineräcker bezeichnet wurden. Vielleicht ein Hinweis auf Weinbau.
Abgeschlossen wurde das spätmittelalterliche Flurnetz durch die Waldungen. Von den Flurnamen erinnern noch die Namen Große Waldäcker und Rustenäcker, an die Waldungen auf der Parndorfer Platte, die nach der Besiedlung im Mittelalter noch bestanden. Im Bereich der Leithaau blieb der Wald seit der frühen Neuzeit auf die heutigen Waldriede beschränkt (Kroatisch Wald, Nunkovitsch, Alte Hölzer, Verbotene Hölzer, Fasangarten, Solnerwald). Nur die Neuen Hölzer wurden später als Wald rückgewidmet. Es könnte dies im Zusammenhang mit dem Tausch des herrschaftlichen Nunkovitsch gegen die Fasangärten im Jahre 1767 stehen.